Reaktion auf die Kormoran-Petition
 
  Der Bannerspruch zum Logo einer jüngsten Europaweiten  Kampagne gegen den Kormoran ist ebenso simpel wie erschreckend. Angesichts des „Schwarzen Tods“ fühlt man sich in mittelalterliche Pestszenarien versetzt ... Doch wir schreiben das (vermeintlich) aufgeklärte 21. Jahrhundert, und keine kontinentale menschengefährdende Seuche steht vor der Tür. Dennoch geht eine Gefährdung von derart Polemik aus ­– zum einen für den Kormoran selbst dessen evolutionsbedingte Rolle es ist, eben Fische zu fressen, zum anderen für den menschlichen Verstand und einen gesellschaftlichen Konsens.
 
Die vom deutschen Paul Parey Zeitschriftenverlag ausgehende Initiative ruft zur Bekämpfung – oder diskreter formuliert europaweiten Regulierung – der in Teilen Europas deutlich angewachsenen Kormoranpopulationen auf. In den Augen der Herausgeber der Zeitschriften Fisch und Fang, Raubfisch sowie Wild und Hund und Deutsche Jagdzeitschrift ist ihre Zahl in der Sorge um „unsere“ (wessen?) Fische viel zu groß geworden. Vielleicht ist aber auch nur die Zahl der Zeitschriften-Abonnenten nicht genug? Aber derlei eigene „Gegenpolemik“ darf hier keinen Platz haben, geht es doch um ein für den Naturschutz altes aber ungelöstes, gesellschaftsrelevantes Thema: wie gehen wir – die Gesellschaft – mit Tierarten um, die nach vielen Bemühungen wieder Fuß fassen konnten und damit erneut ins Visier mancher Interessensgruppen gekommen sind? Der Kormoran befindet sich da in leidvoller Gesellschaft von Graureiher, Biber, Otter, Wolf und Bär. Und vielfach sind es die alten neuen Gruppen und Konflikte, die einst zur Vernichtung und teilweiser Ausrottung der betroffenen Arten beigetragen haben.

Die in der Lobau (Großer Rohrwörth) wohl mehrere hundert Paare umfassende, größte Kormorankolonie zur Zeiten der Monarchie in Österreich wurde auf massives Betreiben der Fischereiverbände der fast gänzlichen Auslöschung preisgegeben. Ungeachtet des Bemühens auf Naturschutzseite, war das Schicksal dieser Kolonie Ende der 1920 er Jahre wie Jahre später aller Kormorankolonien in Österreich besiegelt. Und doch waren zu dieser Zeit die heimischen Gewässer in einem weit höheren Ausmaß großflächig und naturnäher vorhanden als heute.

Wenn hierzulande das Österreichische Kuratorium für Fischerei (ÖKF) – der Dachverband der österreichischen Fischereivereine und Angler – die angeführte Petition offen unterstützt und bewirbt, so soll das oben angeführte Beispiel daran erinnern, was menschlicher Unverstand dereinst angerichtet hat.
Auch muss hinterfragt werden, ob das ÖKF  als „Dachverband“ wirklich im Interesse aller heimischen Fischereiorganisationen einen derartigen Schritt setzt?


Gegenwärtig ist der Winterbestand des Kormorans in Österreich seit Jahren mehr oder minder stabil. Nach vielen Jahren kam es in jüngerer Zeit erstmals auch wieder zu Brutansiedlungen an drei Standorten in Österreich. Doch haben wiederum Beschuss und Vertreibung in einer Kolonie erneut einen Rückgang der Brutpaare verursacht!

Es ist daher für BirdLife Österreich nicht hinnehmbar, wenn auf derart einseitige Weise von einer Interessensgruppe einzig die europaweite Vernichtung von Kormoranbeständen gefordert wird!

Angesichts der Veränderungen in unserer Kulturlandschaft, dem Nutzungsdruck auf viele Gewässer und der veränderten ökologischen Tragfähigkeit von Naturräumen verschließen sich die NGOs nicht der Diskussion um einen gesellschaftsfähigen Konsens im Management von ungefährdeten, stark anwachsenden Wildtierbeständen.  In Sachen Kormoran ist aber Voraussetzung:

  • der Schutz heimischer Brutkolonien
  • die Aufrechthaltung von Tabuzonen hinsichtlich Vergrämung und Abschuss von Kormoranen
  • die wissenschaftlich haltbare Nachweisführung von Schäden für eine naturverträgliche(!) Fischerei
  • die Einhaltung landesgesetzlicher/EU-weiter Vorgaben
  • eine Bestandsüberwachung im Sinne der EU-Vogelschutzrichtlinie
  • eine seriöse und nicht polemisierende oder tendenziöse Darstellung der Fischfresser (Zitat ÖKF: „Der Gänsesäger ist doch keine Wulli-Ente“)
  • ein unvoreingenommenes, wissenschaftliches Bemühen um die Ursachenforschung des Rückgangs gefährdeter Fischarten
  • ein ernstes, gemeinsames Bemühen um die Erhaltung natürlicher Gewässer bzw.  die naturnahe Verbesserung geschädigter Gewässer, die der Gefährdung möglichst vieler aquatischer Organismen entgegenwirkt (wie von manchen Fischereiorganisationen durchaus praktiziert)

Hans-Martin Berg
(Vorstandsmitglied BirdLife Österreich)


Nachsatz: BirdLife Österreich hat seine Stellungnahme dem Paul Parey Zeitschriftenverlag zur Kenntnis gebracht.



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