Vogel des Jahres 2002: Der Haussperling
 
Kaum ein Vogel ist für uns so allgegenwärtig wie der Spatz, selbst aus unserem Sprachschatz ist er kaum mehr wegzudenken: Vom Spatzen in der Hand, der besser ist, als die Taube am Dach, bis zum Spatzenhirn. Und zur Zeit pfeifen es die Spatzen von allen Dächern: der Haussperling wurde von BirdLife Österreich, dem NABU Deutschland und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern zum Vogel des Jahres 2002 gekürt. Er ist zweifellos einer der bekanntesten Vögel um uns - und doch ist es für viele eine Überraschung, daß auch schon die Spatzen weniger werden.

Foto: R. Siegel/NABU

Der Haussperling gehört zur Familie der Sperlinge, von der drei Arten bei uns leben: der Haussperling und der Feldsperling in unseren Siedlungen und der Kulturlandschaft sowie der Schneesperling (auch Schneefink genannt) im Hochgebirge. Ihre nächsten Verwandten sind die afrikanischen und asiatischen Webervögel. Zumindest den Hang zur Geselligkeit haben die Sperlinge von ihren Verwandten übernommen: Sperlinge brüten gerne in enger Nachbarschaft zueinander. In wärmeren Gegenden, z.B. in Südeuropa bauen sie auch oft große Gemeinschaftsnester in Bäumen oder höheren Büschen, auch im südlichen Österreich fand man schon derartige "Spatzenburgen".


Lebensweise
Der Haussperling ist ein Kulturfolger. Durch den Ackerbau hat der Mensch diesem ehemaligen Savannenvogel den Weg nach Europa geebnet - und darüber hinaus: Spatzen sind erfolgreiche Kolonisten und haben weite Teile Afrikas, Nord- und Südamerikas sowie Australiens im Gefolge des Menschen besiedelt. Oft genug haben sie als blinde Passagiere an Bord von Schiffen neue Ufer erreicht und sich dann von den Häfen aus ins Landesinnere ausgebreitet. Und man findet sie heute in den verschiedensten Lebensräumen - in glühend heißen Trockengebieten, im Gebirge und auch noch weit nördlich des Polarkreises.

Bei uns brüten Haussperlinge meist an Gebäuden: unter Dachvorsprüngen, in Mauerspalten und Nischen, auch an ausgefallenen Standorten wie in Straßenlaternen oder hinter Leuchtschriften. Sperlinge brüten auch in Schwalbennestern und in Ortschaften, wo durch übertriebene Ortsbildpflege und Phobie vor Vogelkot Nistmöglichkeiten für Sperlinge und Schwalben immer weniger werden, können sie zu Nistplatzkonkurrenten werden. Beide Partner beteiligen sich am Nestbau. Es werden 4-6 Eier gelegt, aus denen nach 10-15 Tagen die Jungen schlüpfen. Sie sind nach einer zwei- bis knapp dreiwöchigen Nestlingszeit flügge und nach rund weiteren zwei Wochen selbständig. Haussperlinge können in einer Brutsasion zwei- bis dreimal brüten, ausnahmsweie noch häufiger.

Die Nahrung besteht hauptsächlich aus Getreidekörnern, daneben Samen von Wildkräutern und Gräsern, Knopsen, Blüten und jungen Blättern. Zur Fortpflanzungszeit spielt proteinreiche tierische Nahrung eine größere Rolle (v.a. verschiedenste Insekten wie Blattläuse, Käfer und Zweiflügler, Spinnen). Im Sommer fliegen sie gerne truppweise auf Stoppelfelder, um aufzulesen, was bei der Ernte übrig geblieben ist. Ihre Jungen füttern sie zum großen Teil mit Insekten, daneben auch mit reifen und unreifen Pflanzensamen. Zum Wohlfühlen brauchen Spatzen auch offene Bodenstellen, an denen sie ihre Staubbäder nehmen - um Gefiederparasiten loszuwerden.


Düstere Zukunft?
Doch der "Allerweltsvogel" hat zunehmend Probleme: Gebäuderenovierungen bzw. die glatte Bauweise moderner Fassaden verringern die Brutmöglichkeiten, Bodenversiegelungen (Ortsbildverschönerungen!) betonieren die Staubbäder zu und bei modernen Erntemethoden fallen immer weniger Dreschabfälle an. Pestizide und exotische Gehölze in unseren Gärten und Parks reduzieren das Insektenangebot. Umstellungen in der Landwirtschaft (verstärkter Anbau von Wintergetreide, weniger Stoppelbrachen im Winter) tragen zusätzlich zu einem verringerten Nahrungsangebot bei.

Es liegen noch relativ wenige langfristige Daten zur Bestandsentwicklung des Haussperlings vor, doch diese belegen in weiten Teilen Europas z.T. deutliche Bestandsrückgänge. Vielfach sind es auch Hinweise von Beobachtern, die sich noch an große herbstliche Spatzenschwärme auf den Stoppelfeldern aber auch an vielen städtischen Plätzen erinnern können - Bilder, die man heute vermisst. Die früher durchgeführten großflächigen Bestandsregulierungen (so wurden z.B. um 1950 in Hessen/Deutschland 2,5 Millionen (!) Spatzen vergiftet) sind heute längst nicht mehr aktuell, wenn auch heute noch manchmal Spatzenkolonien in großen Supermärkten Probleme verursachen.

Aus Österreich liegen noch kaum Daten über langfristige Veränderungen der Sperlingsbestände vor, doch ist auch bei uns der Rückgang in vielen Gebieten mehr als offensichtlich. In Wien führt BirdLife seit dem Jahr 2000 im Auftrag der MA 22 eine Brutvogelkartierung durch, von der man sich unter anderem aufschlußreiche Ergebnisse zur Situation des Haussperlings erhofft.


Fazit
Einer der ausgeprägtesten Kulturfolger in der Tierwelt wird somit allmählich zu einem ernsten Thema für den Naturschutz - der "freche Spatz" schlüpft ungewolt in die Rolle eines Indikators, der uns anzeigt, wie unsere unmittelbarste Wohnumgebung immer naturferner und lebensfeindlicher wird. Helfen kann aber jeder: mehr einheimische Gehölze in unseren Gärten, "Mut zur Unordnung" im Garten und rund ums Haus mit Wildkräutern, G'stetten und offenen Bodenstellen, Fassadenbegrünungen, Erhaltung von Nistplätzen bei Gebäuderenovierungen - darum also: mehr Platz für den Spatz!



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