
EinführungSchussmarken
Was sind Schussmarken?
Schussmarken (auch „Schrotmauser“) sind typische Verletzungen des Gefieders von Vögeln, die durch Beschuss entstehen, in aller Regel durch Schrotmunition. Da der eigentliche Körper eines fliegenden Vogels nur einen kleinen Teil seiner Gesamtfläche ausmacht, verursacht ein Beschuss insbesondere auf größere Distanz oft keine lebensbedrohlichen Verletzungen, aber sichtbare Defekte im Gefieder. Diese charakteristischen Verletzungen, meist an den Flügeln, deuten auf Abschussversuche hin.
Erkennen von Schussmarken
Da Vögel auch natürlicherweise mausern, um abgenutzte oder beschädigte Federn zu erneuern, ist es wichtig, die Schrotmauser von dieser natürlichen Mauser zu unterscheiden. Sind Fotos vorhanden oder kann der Mauserzustand des Vogels eingeschätzt werden, können Schussmarken mit hoher Treffsicherheit als solche identifiziert werden. Im Folgenden wird erklärt, worauf hierbei zu achten ist.
Synchronität
Das Großgefieder von Vögeln ist – von seltenen Fehlbildungen abgesehen – streng symmetrisch aufgebaut. Das bedeutet, dass beide Flügel spiegelbildlich aussehen und dieselbe Anzahl an Federn aufweisen. Auch der Wechsel dieser Federn erfolgt in aller Regel synchron, damit die aerodynamischen Nachteile der Mauser nicht noch durch unterschiedliche Lücken auf beiden Flügeln verstärkt werden. Abweichungen sind natürlich möglich, es ist aber sehr ungewöhnlich, dass ohne traumatisches Geschehen nur auf einem Flügel zwei oder drei Federn erneuert werden, während am anderen Flügel keine Mauser festzustellen ist.
Im Gegensatz zur natürlichen Mauser sind Verletzungen durch Beschuss fast immer asynchron. Das heißt, dass die betroffenen Federn am anderen Flügel in aller Regel keine Defekte zeigen.
Das Erscheinungsbild der Lücke
Auch das Erscheinungsbild der Lücke selbst ist meist aussagekräftig.
Bei der natürlichen Mauser fallen die Federn zwangsläufig aus – hierdurch entsteht eine echte Lücke, die in der Regel von den angrenzenden Federn gut verdeckt wird und nicht (sofort) zu erkennen ist. Echte Mauserlücken, die auch bei der Feldbeobachtung sofort ins Auge stechen, sind daher sehr oft auf das Fehlen von mehr als einer Feder des Großgefieders zurückzuführen. Als natürliche Mauser sind große, auffällige Lücken daher fast nur bei vorjährigen Vögeln zu sehen (Ausnahmen bei gewissen Arten) und sollten, wie bereits beschrieben, weitgehend symmetrisch sein.
Verletzungen durch Beschuss hingegen führen häufig zum Brechen des Federkiels. Dadurch bleibt ein Teil der Feder(n) am Vogel und die benachbarten Federn können nicht in diese Lücke „vorrücken“. Das hat zur Folge, dass Beschuss sehr häufig eine viel größer erscheinende Lücke im Flügel hinterlässt, als eine gleiche Anzahl mausernder Federn verursachen würde.
Weitere Hinweise auf Beschuss
Neben Lücken im Gefieder können andere Auffälligkeiten zusätzliche Hinweise auf einen zurückliegenden Beschuss liefern. Relativ häufig sieht man an Vögeln, die kürzlich mit Schrotmunition beschossen wurden, abstehende Federn. Bei diesen Federn liegt ein gebrochener Kiel vor, der aber nicht vollständig abgerissen ist. Solche abstehenden Federteile lösen sich aber meist relativ bald oder werden vom Vogel aktiv entfernt.
Ob bei einem Beschuss Munitionsteile den eigentlichen Vogelkörper getroffen und verletzt haben, lässt sich im Feld meist nicht erkennen, sofern dies nicht zu einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des Tieres führt. Eine Ausnahme bilden hier Verletzungen des Beinskeletts bzw. der zugehörigen Muskeln oder Sehnen, wenn dadurch eine Schonhaltung eingenommen wird oder das Bein nicht mehr angezogen werden kann. Betroffene Vögel zeigen im Flug dann ein auffällig hängendes Bein. Dies darf allerdings nicht mit herabhängender Beute oder einem kurzzeitig ausgestreckten Bein verwechselt werden, weshalb gute Beobachtungsbedingungen erforderlich sind.
Andere Ursachen für Gefiederverletzungen
Außer durch Beschuss können ähnliche, auffällige Gefiederverletzungen auch durch andere Ursachen entstehen. Innerartliche Konflikte, Auseinandersetzungen mit anderen Tieren sowie versuchte Prädation sind als Gründe denkbar, allerdings ist wenig darüber bekannt, wie oft solche Interaktionen zu sichtbaren Beschädigungen am Federkleid führen. Gerade bei schwanzlosen Vögeln ist ein beschussbedingter Verlust der Stoßfedern im Feld nicht von einem prädationsbedingten zu unterscheiden. Während der Zusammenhang zwischen Schussmarken-Beobachtungen und bekannter Verfolgung der betroffenen Arten aus der praktischen Arbeit hinlänglich bekannt ist und auch Analogieschlüsse aus der Erfahrung mit legal jagdbaren Arten möglich sind, ist die Erforschung der Entstehung sonstiger Gefiederverletzungen noch deutlich schwieriger. Diese Unsicherheiten sind in der Bewertung vor allem einzelner mutmaßlicher Schussmarken-Beobachtungen zu berücksichtigen.
Wir sehen daher im Allgemeinen einen großen Forschungsbedarf zur Genese und zum Erscheinungsbild unterschiedlicher Arten von Gefiederverletzungen.
Bedeutung von Schussmarken-Beobachtungen
Vögel können selbst mit heftigen Gefiederverletzungen oft große Distanzen zurücklegen. In manchen Fällen stammen Schussmarken daher etwa vom Zugweg (Mittelmeerraum, Nordafrika etc.). Umgekehrt können mehrmalige Beobachtungen desselben Vogels oder Ansammlungen mehrerer beschossener Vögel manchmal sehr konkrete Hinweise auf den Tatort geben. Obwohl einzelne Schussmarkenbeobachtungen für sich betrachtet manchmal nur wenig Aussagekraft besitzen, sind eine genaue Dokumentation der Beobachtungsdetails und eine gezielte Sammlung solcher Beobachtungen ein wichtiges Werkzeug zur Dokumentation von Wildtierkriminalität. Statistisch zeigt sich eine Korrelation zwischen der Häufung von Vögeln mit Schussmarken und bekannten Fällen illegaler Abschüsse auf Bezirksebene (Riener 2019). Schussmarken können somit als Indikator für Problemgebiete dienen.
Meldung auf ornitho.at oder per Mail
Wenn Sie einen Greifvogel mit Schussmarken entdecken, melden Sie uns dies bitte. Dokumentieren Sie, wenn möglich, die Verletzungen mit einem aussagekräftigen Foto. Diese können Sie zusammen mit den Beobachtungsdetails zum Beispiel auf ornitho.at hochladen: Versehen Sie Ihre Meldung bitte mit dem Kommentar „mögliche illegale Verfolgung“ oder verwenden Sie die Eingabemöglichkeit für tote oder verletzte Vögel. Hierfür bei der Dateneingabe auf „Tot oder verletzt“ gehen, gefolgt von „Absichtliche Verfolgung (Jagd, Fang etc.“, dann „Jagd“, Typ: „Schusswaffe“).
Falls Sie kein Konto auf ornitho.at besitzen, können Sie uns auch eine E-Mail an meldung@wildlifecrime.at senden (am besten mit aussagekräftigen Fotos).
Ihre Meldungen helfen, Wildtierkriminalität zu bekämpfen und Greifvögel zu schützen! Vielen Dank dafür!
Riener, S. „Investigations regarding the persecution of raptors in Austria“. Master thesis, Institute of Animal Welfare Science, University of Veterinary Medicine, 2019.
Natürliche Mauser erkennen
Zählweise der Schwingen bei Vögeln mit Nummerierung der zehn Handschwingen und zehn äußeren Armschwingen.
Hand- und Armschwingen werden üblicherweise vom Flügelbug weg gezählt. Das heißt, die Handschwingen werden von innen nach außen nummeriert, die Armschwingen hingegen von außen nach innen.

Kaiseradler, 3. Kalenderjahr Männchen
Natürliche Mauser (24. April)
Der Vogel mausert vom zweiten ins dritte Jahreskleid. Die natürliche Mausergrenze zeigt sich anhand des Federzustands zwischen 5. und 7. Handschwinge (grüner Punkt). Erst durch Nachzählen wird ersichtlich, dass eine Handschwinge aktuell fehlt. Bei langsamem Mauserfortschritt sind die Lücken oft wenig auffällig.

Wespenbussard, adultes Weibchen
Natürliche Mauser (12. Juli)
Typisch für Wespenbussardweibchen mausert dieser Vogel inmitten der Brutsaison intensiv sein Großgefieder. Die Handschwingen 1-3 werden aktuell erneuert und es klafft daher beidseitig eine unübersehbare Lücke im Flügel (grüne Punkte). Aufgrund der kurzen Anwesenheit im Brutgebiet erneuert die Art ihr Gefieder nur teilweise im Sommerhalbjahr: In verhältnismäßig kurzer Zeit werden bei den Männchen 0-3, bei den Weibchen 2-4 der inneren Handschwingen gemausert - daher ist die Mauser bei der Beobachtung des Vogels sehr offensichtlich.

Zwergadler, 2. Kalenderjahr
Natürliche Mauser (1. August)
Der vorjährige Vogel mausert intensiv ins 2. Kleid und zeigt einen überwiegend synchronen Mauserverlauf. In beiden Flügeln zeigt sich eine Lücke im Bereich der Handschwingen 5 und 6, im rechten Flügel ist die Spitze der neuen 5. Handschwinge schon gut zu sehen. Daneben schiebt Armschwinge 1 ebenfalls beidseitig und ist schon fast völlig erneuert. Im Stoß sind, soweit erkennbar, nur 7 der 12 Stoßfedern einigermaßen vollständig ausgebildet. Links sind die drei inneren Stoßfedern erneuert, die drei äußeren schieben bzw. fehlen. Rechts hingegen stehen die vier inneren Stoßfedern, wobei die zweite (grauer Punkt) nicht vermausert wurde und aus dem Jugendgefieder stammt. Hier fehlen bzw. schieben außen dafür nur mehr Nr. 5 und 6. Der Mauserverlauf im Stoß ist daher leicht asynchron.

Kaiseradler, adultes Männchen
Natürliche Mauser (8. Juni)
Der Vogel ist in der Großgefiedermauser, dies fällt aber nur bei genauem Hinsehen bzw. Nachzählen der Handschwingen auf. Typisch für langsam mausernde Arten mit breitem Flügel verbergen die übrigen Schwungfedern die Lücke fast völlig. Es fehlt jedoch beidseitig die Handschwinge 5 (Nr. 4 ist frisch, Nr. 6 v. a. links deutlich verschlissen).

Schussmarken erkennen
Kaiseradler, 3. Kalenderjahr Männchen
Natürliche Mauser und Schussmarken (16. Juni)
Der Vogel mausert vom zweiten ins dritte Jahreskleid. Die natürliche Mausergrenze zeigt sich nur als unauffällige Lücke, eher anhand des Federzustands zwischen 4. und 6. Handschwinge (grüner Punkt). Im rechten Flügel schiebt auch noch die 2. Armschwinge (grauer Punkt, Ursache unklar). Im linken Flügel ist die massive Beschädigung unübersehbar: Es fehlen die Handschwingen 3 und 7 (letztere schiebt), daneben ist die Armschwinge 4 abgebrochen, Nr. 5 und 6 schieben und Nr. 8 fehlt wiederum. Dass mehrere Federn außerhalb des natürlichen Mauserzyklus schieben, zeigt klar, dass die Verletzung schon vor einiger Zeit passiert sein muss und diese Federn gänzlich erneuert werden.

Mäusebussard, 2. Kalenderjahr
Natürliche Mauser und Schussmarke (6. Mai)
Der Vogel mausert vom Jugendkleid ins zweite Kleid. Typisch für Greifvögel in der ersten Großgefiedermauser geht diese recht flott: Im rechten Flügel (unten) klafft eine große Lücke (grüner Punkt), es mausern zeitgleich die Handschwingen 1-3. Im linken Flügel (oben) fehlen an dieser Stelle erst zwei Handschwingen (grüner Punkt). Darüber befindet sich eine auffällige unnatürliche Lücke, es fehlen die Handschwingen 6 und 7 (roter Punkt).

Mäusebussard, 2. Kalenderjahr
Natürliche Mauser und Schussmarken (28. April)
Der Vogel mausert vom Jugendkleid ins zweite Kleid. Zwar fehlen aufgrund natürlicher Mauser beidseitig jeweils die zwei innersten Handschwingen (1 und 2, grüne Punkte), doch sind diese Lücken verhältnismäßig wenig auffällig. Ins Auge stechen dagegen zwei Lücken im rechten Flügel (rote Punkte), die die Handschwingen 4 und 5 sowie die Armschwinge 6 betreffen. Neben der Lücke im Armflügel ist auch ein abgebrochener Federkiel sichtbar.

Mäusebussard, 2. Kalenderjahr
Schussmarken (6. September)
Der Vogel hat die Großgefiedermauser bereits abgeschlossen und ist im 2. Kleid. Im rechten Flügel „fehlen“ die Handschwinge 8 sowie die Armschwinge 3, im linken die Handschwinge 6. Beide Handschwingen sind jedoch nicht ausgefallen, sondern abgebrochen, der basale Teil der Feder steckt jeweils noch an seinem Platz.

Wiesenweihe, adultes Männchen
Natürliche Mauser und Schussmarke (26. Juli)
Der adulte Vogel ist in der Großgefiedermauser. Handschwinge 3 (grüne Punkte) schiebt beidseitig, die Lücke ist hier jedoch unauffällig (je weiter nach vorne im Flügel die Mauserlücken wandern, desto augenscheinlicher wird das Fehlen einzelner Federn bei den Weihen, die eine relativ schmale „Flügelspitze“ besitzen). Im rechten Flügel klafft jedoch auch eine auffällige Lücke (rote Punkte, Handschwingen 7 & 8). Beide Federn sind abgebrochen, nicht ausgefallen.

Wiesenweihe, 2. Kalenderjahr Männchen
Natürliche Mauser und Schussmarke (12. Juni)
Der Vogel mausert ins 2. Kleid und erneuert zum Zeitpunkt der Aufnahme beidseitig die ersten beiden Handschwingen (grüne Punkte). Trotz des Fehlens zweier Schwungfedern sind diese Lücken relativ klein. Im rechten Flügel ist zusätzlich eine große Lücke im zentralen Handflügel zu sehen. Die Handschwingen 5 und 6 sind vollkommen abgebrochen, die Handschwinge 7 zeigt eine stark beschädigte Fahne. Der Vogel wurde mit derselben Schussmarke bereits einen Monat zuvor etwa 20 km nördlich fotografiert. Dies zeigt, dass Schussmarken lange erhalten bleiben können, insbesondere wenn die beschädigten Federn nicht ausfallen. Die individuelle Identifizierung anhand der Verletzungen kann daher wertvolle Hinweise geben, ob ein Vogel ortstreu ist (und daher womöglich vor Ort verletzt wurde).

Dieses Ratgeberseite ist im Rahmen des EU-geförderten „wildLIFEcrime“-Projekts (LIFE22-GIE-DE-wildLIFEcrime) entstanden, das gemeinsam mit 12 Projektpartnern aus Deutschland und Österreich gegen die illegale Tötung von Wildtieren vorgeht.

