Lebensraumschutz

Biodiversität braucht Weideland

Dr. Susanne Schreiner28.04.2026
Eine artenreiche Weide mit Kühen.
Eine artenreiche Weide mit Kühen.
© Hans Gumpinger

PRESSEAUSSENDUNG

Brüssel/Wien/Innsbruck/Salzburg/Steyr/Mahrersdorf (OTS) – 28.4.2026 – Die Vereinten Nationen (UN) haben das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums ausgerufen. Ziel dieser globalen Initiative ist es, die wichtige Rolle der Weidetierhaltung und ihren positiven Beitrag für Natur, Umwelt und Gesellschaft hervorzuheben. Die bäuerlichen Organisationen Erde & Saat, Österreichische Berg- und Kleinbäuer:innen Vereinigung (ÖBV), der Verein Hirtenkultur sowie die Naturschutzorganisationen BirdLife Österreich, WWF Österreich, Naturschutzbund Österreich und Österreichischer Alpenverein (ÖAV) appellieren daher an politische Entscheidungsträger:innen: Die hohe öffentliche Bedeutung der extensiven Weidehaltung für die Biodiversität muss in den kommenden Verhandlungen zur Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) sowie im nationalen Wiederherstellungsplan Berücksichtigung finden. Es braucht bessere Rahmenbedingungen für die Förderung der extensiven Weidehaltung in Österreich. Im Gegensatz zur intensiven Wiesenbewirtschaftung mit bis zu sechs Schnitten im Jahr, wo es häufig zu einem Totalausfall vieler Tierarten kommt, wird auf Weiden mit einem geringen Tierbesatz die Artenvielfalt sogar gefördert. Zahlreiche Studien belegen die positiven Auswirkungen extensiver Weidesysteme auf Artenvielfalt, Böden und Klima wie folgt:

  • Durch unterschiedlich stark abgegraste Bereiche entsteht eine große Vielfalt an Pflanzen und Insekten

  • Nach Möglichkeit soll auf prophylaktische Entwurmung der Weidetiere verzichtet werden, da eine reiche Insektenbiomasse aus den Dunghaufen hervorgeht, die sogenannte Dungfauna, die etwa Vögeln und Fledermäusen zur Nahrung dient

  • Wird während der Weidesaison das Angebot an Kraftfutter wie Soja stark reduziert oder darauf verzichtet, reduziert sich der Nährstoffeintrag in den Boden

  • Die geringe und standortangepasste Besatzdichte mit Weidetieren verhindert eine übermäßige Belastung des Bodens mit Nitrat, weniger Ammoniak wird emittiert. Da auch weniger klimaschädliches Lachgas emittiert wird, schont Weidehaltung im Gegensatz zur Stallhaltung das Klima.

„Eine extensive und an den Standort angepasste Beweidung ist der Schlüsselfaktor für mehr Artenvielfalt. Doch ist diese in Österreich früher weit verbreitete Bewirtschaftungsform abseits der Bergregionen heute kaum mehr vorhanden. Mit ein Grund ist die einstige politische Entscheidung, Österreich in „Hörndl“-Regionen im Westen und „Körndl“-Regionen im Osten zu trennen. Um jedoch die Artenvielfalt in unsere häufig ausgeräumte Agrarlandschaft zurückzuholen, benötigt es mehr als nur Blühstreifen: Es braucht wieder Weidetiere auf möglichst großen, extensiv bewirtschafteten Flächen. Diese Maßnahme muss jedenfalls im Wiederherstellungsplan, welcher von Österreich im September der EU-Kommission vorgelegt werden soll, enthalten sein“, fordert Katharina Bergmüller von BirdLife Österreich.

„Die biologische Wirtschaftsweise trägt durch die verpflichtende Weidehaltung dazu bei, dass auch Grenzertragsflächen beweidet werden und damit ein wesentlicher Beitrag für die Biodiversität, die Pflege der Kulturlandschaft und den Klimaschutz geleistet wird. Nur eine produzierende, tierhaltende Landwirtschaft sichert diese Leistungen ab und veredelt für Menschen nicht verzehrbare Rohstoffe in wertvolle und hochqualitative Proteine. Die Weidehaltung zeigt somit die symbiotische Wirkung von artgerechter Tierhaltung, Naturschutz und Lebensmittelproduktion am besten auf, was in den aktuellen Verhandlungen für die kommende GAP-Periode entsprechende Anerkennung finden muss”, so Matthias Böhm, Obmann von Erde & Saat.

„Extensiv bewirtschaftete Weideflächen sind ein zentraler Baustein für die Erhaltung der Biodiversität im Alpenraum. Die Alpenkonvention verpflichtet ihre Vertragsstaaten zum Schutz der alpinen Kulturlandschaften und zur nachhaltigen Nutzung natürlicher Ressourcen. Da in vielen Almgebieten und benachteiligten Lagen Weideflächen aufgegeben werden, während sich die Nutzung in Gunstlagen zunehmend intensiviert, gehen wertvolle Lebensräume verloren. Eine gezielte Förderung extensiver Beweidung ist daher unerlässlich, um die Ziele der Alpenkonvention umzusetzen und die ökologische Vielfalt sowie die Schutzfunktionen der alpinen Landschaften langfristig zu sichern”, so Liliana Dagostin vom Österreichischen Alpenverein (ÖAV).

„Jahrtausende vor der Industrialisierung war die geführte Tierhaltung Standard. Eine umfangreiche Hirt:innen-Kultur prägte das Land, die Gesellschaft und die Lebensmittelproduktion. In Österreich kaum noch vorzufinden, stellt der Hirt:innenberuf jedoch nicht nur eine notwendige Arbeit dar, er macht Weidetierhaltung effektiver im Hinblick auf die Beweidung und sicherer für die Weidetiere. Um jedoch den Beruf der Hirt:innen zu erhalten und zu fördern, benötigt es für die praktische Umsetzung eine Anpassung der Tierhalteverordnung. So ist es z. B. nicht möglich und nicht immer notwendig, überall einen Unterstand zu bauen, sagt Stefan McAllister-Knöpfer von HIRTENKULTUR.

„Extensive Weidetierhaltung ist arbeitsintensiv. Der Naturschutzbund fordert daher eine österreichweit angemessene Abgeltung der hohen Arbeitsaufwendungen – insbesondere für die wichtige Arbeit der Hirten: innen – im Interesse von Natur und Gesellschaft“, sagt Lucas Ende, Artenschutzexperte beim Naturschutzbund Österreich.

„Als Hirtin und Kleinbäuerin sehe ich täglich den Wert einer extensiven, standortangepassten Beweidung in unseren Bergregionen und wie hier hochwertige Lebensmittel aus Gras produziert werden. Wir vom Auffi-Netzwerk, als Teil der ÖBV, sorgen uns mit Leidenschaft um unsere Herden und um eine standortgerechte Weidewirtschaft im alpinen Raum. Um Verbuschung entgegenzuwirken, braucht es wieder mehr Wiederkäuer und Hirt:innen, die ihre Herden gezielt über die Weideflächen führen. Das setzt eine Agrarpolitik voraus, die Beruf und Fachkenntnisse von Hirt:innen, Klein- und Bergbäuer:innen anerkennt, fair entlohnt und soziale Absicherung bietet. Denn wir alle haben das Recht auf eine artenreiche Umwelt, gute Arbeitsplätze und hochwertige Lebensmittel", so Maria Naynar, Stv.-Obfrau der Österreichischen Berg- und Kleinbäuer:innen Vereinigung (ÖBV).

„Über zehn Jahre Beweidung im WWF Auenreservat Marchegg zeigen: Große Pflanzenfresser sind unverzichtbar für funktionierende Ökosysteme. Seit 2015 weiden hier freilebende Pferde auf knappen 80 Hektar, im Sommer auch Rinder. Sie verhindern, dass die Auwiesen zuwachsen und haben eine deutliche Artenzunahme ausgelöst. Davon profitieren auch stark gefährdete Tier- und Pflanzenarten. Gleichzeitig wird das Ökosystem stabiler und widerstandsfähiger, und erste Treibhausgasbilanz-Messungen weisen auf eine positive Klimawirkung hin“, sagt Jurrien Westerhof vom WWF Österreich.

Nähere Informationen zum UN-Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums gibt es hier.

Rückfragehinweis

Dr. Susanne Schreiner, Pressesprecherin BirdLife Österreich 1150 Wien, Diefenbachgasse 35/1/6 Mobil: +43 (0) 699 181 555 65 susanne.schreiner@birdlife.at

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