Lebensraumschutz

Sodalacken im Seewinkel am Limit - ein Naturjuwel vor dem endgültigen Aus?

Dr. Susanne Schreiner24.06.2026
Statt Hunderten Wasservögeln Heimstatt zu geben präsentierte sich die Lange Lacke seit Anfang Juni als staubtrockenes Becken.
Die Lange Lacke präsentiert sich als staubtrockenes Becken.
© Michael Dvorak

PRESSEAUSSENDUNG

Wien, Eisenstadt, 24. Juni 2026 - Obwohl der Winter durchschnittliche Niederschläge erbrachte, sind viele Sodalacken heuer bereits im April und Mai ausgetrocknet oder weisen nur noch Restwasser auf. Das Lackensterben geht damit trotz erster Maßnahmen zum Wasserrückhalt fast ungebremst weiter. Eine bereits im Herbst 2023 fertig gestellte Studie im Auftrag des Landes zeigt in Bezug auf Wasserentnahmen Lösungen auf. BirdLife Österreich fordert: „Diese Studie muss raschest umgesetzt werden, sonst droht das endgültige Aus dieses einzigartigen Ökosystems und mit ihm ein wichtiger Rast- und Brutplatz für Zugvögel sowie ein Anziehungspunkt für den Naturtourismus!“

Lösungsvorschläge: Sofortmaßnahmen für den Erhalt der Sodalacken

Im September 2023 wurde eine vom Land in Auftrag gegebene Studie zur Neuausrichtung des Beweissicherungssystems für die landwirtschaftliche Beregnung im Seewinkel fertig gestellt. Diese sieht eine Festlegung ökologisch begründeter Pegelstände des Grundwassers vor, unter denen keine Entnahmen mehr stattfinden dürfen. Darüber hinaus sollen rund um die Lacken Pufferzonen errichtet werden, innerhalb derer keine Brunnen betrieben werden dürfen.

Der Schlüssel zur Erhaltung der Lacken liegt im Wasserrückhalt und damit der Gewährleistung eines dauerhaft ausreichend hohen Grundwasserstandes. „Die Ursachen und Mechanismen des Lackensterbens sind seit über drei Jahrzehnten genau bekannt ohne dass Gegenmaßnahmen getroffen wurden“, so Seewinkel-Experte Michael Dvorak von BirdLife Österreich: „Erst in den letzten Jahren wurden seitens des Landes Burgenland erste Schritte zum oberflächlichen Wasserrückhalt begonnen. So wichtig diese Maßnahmen sind, sie reichen aber, wie die aktuelle Entwicklung zeigt, noch lange nicht aus.“

Aktuelle Lage der Sodalacken

Obwohl nach einer mehrjährigen Trockenperiode die letzten drei Jahre wieder sehr viel größere Niederschlagsmengen brachten, ist die Lage der Sodalacken im burgenländischen Seewinkel schlechter denn je. Trotz durchschnittlicher Regenmengen im vorangegangenen Winterhalbjahr sind schon im April Alber- und Kirchsee sowie die Birnbaumlacke ausgetrocknet, Anfang Mai folgten Halbjoch-, Sechsmahd-, Fuchsloch- und Ochsenbrunnlacke sowie der gesamte Ostteil der Langen Lacke. Anfang Juni fanden sich im Illmitzer Zicksee und in der Lange Lacke nur mehr kleine Wasserreste.

„Diese extrem frühen Wasserverluste spiegeln jedoch nicht einen Mangel an Regen, sondern primär den katastrophalen und immer noch von Jahr zu Jahr schlechter werdenden Zustand der Lacken wider“, so Michael Dvorak von BirdLife Österreich. Während die Wanne einer „gesunden“ Sodalacke absolut dicht ist und ein Wasserverlust nur durch Verdunstung möglich ist, beginnt der Austrocknungsprozess nunmehr - statt im Spätfrühling - bereits im Spätwinter und zeitigen Frühjahr, also lange bevor aufgrund höherer Lufttemperaturen die Verdunstung einsetzt. „Die Lacken sind also fast ohne Ausnahme aufgrund zu geringer Grundwasserstände undicht geworden und verlanden so nach und nach. So wie es aussieht, scheint dieser Prozess weitgehend irreversibel zu sein“, erläutert Dvorak, der als Ökologe die Situation der Lacken im Seewinkel seit nunmehr 45 Jahren untersucht.

Der Wissenschaftliche Beirat des NP Neusiedler See -Seewinkel hat in den letzten Jahren mehrmals auf die Situation des „Lackensterbens“ – also der frühzeitigen Austrocknung und des nachfolgenden Salzverlustes als Folge der dauerhaft niedrigen Grundwasserstände hingewiesen. „Es ist unverständlich, dass die längst fertiggestellte hydrologische Studie, die die Ursachen benennt und rechtlich bindende Lösungen durch Erhöhung der Grenzwasserstände und Einschränkung der Wasserentnahme im Lackengebiet vorschlägt, angesichts des dramatisch schlechten Zustands vieler Sodalacken nicht sofort in wasser- und naturschutzrechtliche Maßnahmen mündet“, sagt der Vorsitzende des Beratungsgremiums, Thomas Wrbka. Angesichts des drohenden Verlustes des europarechtlich geschützten Lebensraums Sodalacken sind Konsequenzen in Form von Vertragsverletzungsverfahren, aber auch wirtschaftliche Einbußen für Landwirtschaft und Tourismus zu befürchten. „Im Seewinkel befinden sich neben der ungarischen Tiefebene die wichtigsten Vorkommen dieser einzigartigen Ökosysteme. Ihre Wiederherstellung im Rahmen der Umsetzung des „Nature Restoration Laws“ ist ein Gebot der Stunde und muss bis 2030 eine deutliche Verbesserung ergeben“, so Wrbka weiter.

Umso wichtiger ist es nun, dass umgehend Maßnahmen zur Erhaltung der allerletzten, derzeit noch vorhandenen Sodalacken getroffen werden. „Obwohl sie sich alle in einem sehr schlechten ökologischen Zustand befinden, besteht doch noch eine kleine Chance, einige dieser einzigartigen Gewässer zu erhalten“, so Dvorak von BirdLife Österreich.

Forderungen an die Politik

  • eine sofortige Umsetzung der Studie aus dem Jahr 2023 durch die Festsetzung ökologisch verträglicher Grenzwerte für Grundwasserpegel

  • insbesondere müssen diese ökologisch orientierten Grenzwerte in den bereits in den nächsten zwei Jahren fälligen neuen Bescheiden über Grundwasserentnahmen festgeschrieben werden. Später (nach 2028) auslaufende Bescheide sind dementsprechend zu adaptieren

  • Die sofortige Einrichtung von Schutzzonen rund um die Lacken, in denen keine Wasserentnahme aus Feldbrunnen erfolgen darf

  • den bereits seit längeren angekündigten, aber bislang nicht umgesetzten Einbau von Wasseruhren bei Feldbrunnen, um die entnommenen Mengen zu überwachen

  • eine rasche Anpassung der Landwirtschaft hinsichtlich des Anbaus von Kulturen mit hohem Wasserbedarf

  • und eine nachhaltigere Bewässerungspraxis, z. B. durch zeitliche Einschränkungen (Bewässerung nur in der Nacht) um den Wasserverbrauch zu reduzieren.

„Die Zeit zum Handeln ist jetzt! Es braucht sofort umfassende Maßnahmen zum Wasserrückhalt und zur damit verbundenen Grundwassersicherung. Wir befinden uns derzeit in einer Phase mit wiederum etwas höheren Niederschlagsmengen. Sollte es jedoch demnächst wiederum zu einer Trockenperiode kommen, ohne dass diese Vorkehrungen getroffen wurden, könnten die verbliebenen Sodalacken innerhalb kürzester Zeit verschwinden“, warnt Michael Dvorak: „Ein weltweit einzigartiges Ökosystem wäre dann unwiederbringlich verloren!“

Hintergrundinformationen

In den letzten 150 Jahren gingen fast 120 der ursprünglich rund 140 Lacken durch menschliche Eingriffe unwiederbringlich verloren. Allein innerhalb letzten, bis 2022 andauernden Trockenphase verschwand nochmals ein Drittel der noch vorhandenen Lacken oder nahm schwerste Schäden. Darunter ist auch die Lange Lacke, das Wahrzeichen des Seewinkels, deren völliges Verschwinden spätestens im Verlauf der nächsten Trockenphase zu befürchten ist.

Bei einer intakten Sodalacke ist der Lackenboden nach unten hin dicht, das Grundwasser liefert durch die Kapillarwirkung Salze in das System. Reißt diese Verbindung durch ein Sinken des Grundwasserspiegels über längere Zeit ab, süßt die Lacke aus und bewächst sich mit standortsfremden Pflanzen, die den Gewässeruntergrund undicht machen. Als Konsequenz verlandet die Lacke rasch, man spricht von einem regelrechten „Lackensterben“. Der Grundwasserspiegel muss also hoch sein, um den Fortbestand der Sodalacken zu gewährleisten.

Rückfragehinweis

Dr. Susanne Schreiner, Pressesprecherin BirdLife Österreich 1150 Wien, Diefenbachgasse 35/1/6 Mobil: +43 (0) 699 181 555 65 susanne.schreiner@birdlife.at

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