Vogel des Jahres

Kiebitz in Not: Wenn Wasser fehlt, stirbt der Nachwuchs

Dr. Susanne Schreiner22.06.2026
Kiebitz Küken und Ei
Ein Kiebitz-Küken kurz nach dem Schlüpfen.
© Daniel Leopoldsberger

PRESSEAUSSENDUNG

Wien, 22. Juni 2026 – Die diesjährige Brutsaison des Kiebitz (Vanellus vanellus), Jahresvogels 2026, offenbart in allen Projektregionen seines Schutzprogramms ein besorgniserregendes Muster: Extreme Trockenheit, fehlender Wasserzugang und menschliche Eingriffe in die Lebensräume setzen den Vögeln massiv zu. Während in einigen Gebieten noch Hoffnung auf Nachwuchs besteht, zeigt sich insgesamt ein dramatischer Rückgang des Bruterfolgs. Die Kernprobleme sind dabei überall ähnlich und unterstreichen die Notwendigkeit schnellen Handelns.

Hauptproblem: Trockenheit

Die extreme Trockenheit im Frühjahr hat in vielen Regionen dazu geführt, dass Kiebitz- Jungtiere nicht ausreichend mit Nahrung finden konnten. „Besonders in trockenen Maisäckern fanden die Kiebitzfamilien nicht genügend Würmer oder Insekten, was in mehreren Gebieten zum kompletten Ausfall der Brut führte. Nur dort, wo Ackersutten, flache Gewässer oder Schottergruben als Rückzugsorte verfügbar waren, konnten Jungvögel überleben“, berichtet Daniel Leopoldsberger, Projektverantwortlicher bei BirdLife Österreich.

Besonders deutlich zeigten sich die Auswirkungen im Zentralraum Oberösterreichs, wo ein Großteil der österreichischen Kiebitz-Brutpaare vorkommt. Die Vögel trafen heuer früh in ihren Brutgebieten ein und begannen zeitig mit der Brut. Bereits Anfang April konnten erste Küken beobachtet werden. Die langanhaltende Trockenheit und die laufende Bodenbewirtschaftung führten jedoch vielerorts dazu, dass nur wenige Jungvögel erfolgreich flügge wurden.

Im Osten Österreichs zeigte sich ein anderes Bild: Viele Kiebitze begannen ihre Brut ungewöhnlich spät, teilweise erst Ende Mai oder Anfang Juni. „Dies verlängert die Brutsaison 2026 auf ein Rekordniveau, bietet aber auch eine kleine Chance, da die Äcker zu diesem Zeitpunkt bereits bearbeitet waren und die Niederschläge aktuell wieder regelmäßiger werden“, so Leopoldsberger.

Prädation

Doch nicht nur die Trockenheit bereitet den Vogelschützern Sorgen. In einigen Regionen scheint Prädation eine bisher unterschätzte Rolle zu spielen. „Beobachter:innen aus Niederösterreich und dem Burgenland berichten von Trupps adulter Kiebitze ohne Jungvögel, die sich zur Nahrungssuche zusammenschließen“, so Leopoldsberger: „Ein Hinweis darauf, dass es die Jungtiere nicht geschafft haben. Zusätzlich zur Trockenheit sind die Jungvögel möglicherweise in größerer Anzahl Beute von Räubern wie Fuchs, Rabenvögeln oder Mardern wurden.“ Auch die ungewöhnlich niedrige Mäusepopulation in diesem Jahr könnte hier eine Rolle spielen, da Prädatoren auf alternative Beute ausweichen müssen.

Menschliche Eingriffe in Lebensräume

Zusätzlich verschärfen menschliche Eingriffe die Situation: Grundwasserabsenkungen, die Verfüllung von Sutten mit Aushubmaterial oder Klärschlamm sowie Ausbaggerungen von Gewässern zerstören wichtige Lebensräume. Besonders im Tullnerfeld (Niederösterreich) zeigt sich, wie schnell sich die Bedingungen für den Kiebitz verschlechtern können: „Nach einem Rekord-Brutjahr 2025 mit hohen Grundwasserständen nach dem Hochwasser 2024, sind die Bestände 2026 wieder stark zurückgegangen“, weiß der Ornithologe Leopoldsberger, hier sei der direkte Zusammenhang mit den aktuellen Eingriffen in den Wasserhaushalt verdeutlicht.

Lichtblick

Doch es gibt auch Lichtblicke für den Kiebitz: In Gebieten mit intakten Feuchtflächen, Ackersutten oder später Bewirtschaftung zeigen sich Erfolge. Besonders dort, wo Kooperationen mit Landwirt:innen entstanden sind und Gelege durch Markierung gezielt umfahren oder Bewirtschaftungsschritte angepasst wurden, konnten die Jungtiere großteils erfolgreich schlüpfen – ein wichtiger erster Schritt. Dies unterstreicht, wie wichtig gezielte Schutzmaßnahmen sind, wie die österreichweite Initiative „Gemeinsam für den Kiebitz“ unter der Federführung der Vogelschutzorganisation BirdLife Österreich und dem Verein thema: natur.

Forderung

BirdLife Österreich fordert daher den Erhalt und die Wiederherstellung von Feuchtgebieten in allen Projektregionen, um den verbliebenen Kiebitzen lebenswichtige Rückzugsorte zu bieten, den Erhalt von Brachen und eine extensivere Bewirtschaftung in Kombination mit attraktiven Fördermöglichkeiten.

Ein Blick in die Bundesländer: Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

Steiermark: Wasser entscheidet über Leben und Tod

In der Steiermark zeichnet sich ein klares Bild ab: In Gebieten ohne Zugang zu Gewässern, wie Gnies oder St. Margarethen, verhungerten während der Trockenphase alle Jungvögel in den Mais-Intensiväckern. Doch wo Schottergruben oder Seichtwasserbereiche als Rückzugsorte dienten, überlebten einige der jungen Kiebitze. Interessanterweise schienen manche Altvögel die extreme Trockenphase abgewartet zu haben, bevor sie mit der Brut begannen – ein Verhalten, das in diesem Jahr besonders häufig zu beobachten war. Insgesamt gesehen war der Bruterfolg in der Steiermark dadurch recht gut. Fazit: Ackersutten und offene, flache Gewässer in Brutplatznähe sind einfach extrem wichtig, vor allem bei Trockenheit.

Südburgenland: Erfolgreicher Schlupf, doch wo bleiben die Jungvögel?

Im Südburgenland schlüpften fast alle im Projekt ausgesteckten (markierten) Gelege erfolgreich, und in vielen Bereichen stand den Vögeln Wasser zur Verfügung. Dennoch ging die Zahl der Jungvögel zurück. Prädation könnte hier eine zentrale Rolle spielen. Eine aktuelle Beobachtung zeigte einen Trupp von 24 adulten Kiebitzen ohne Jungvögel bei der Nahrungssuche, ein Indiz dafür, dass die Aufzucht der Küken in diesem Jahr nicht erfolgreich war.

Nordburgenland: Erfolg nur in wasserreichen Gebieten

Im Nordburgenland war der Schlupferfolg im Vergleich zu den Vorjahren sehr gut. Besonders in Gebieten mit langanhaltenden, wasserführenden Ackersutten (wie in Bereichen um Parndorf) konnten führende Familien mit Jungvögeln beobachtet werden. Doch in wasserfernen Regionen (wie Parndorf/Neudorf) verlief die Brut nachweislich erfolglos. Ersatzgelege wurden hier erst spät, nämlich Ende Mai, angelegt. Ob die Kiebitzfamilien abgewandert sind oder die Küken nicht überlebt haben, bleibt vorerst unklar.

Niederösterreich (Tullnerfeld): Von Rekordjahr zu Krise

Das Tullnerfeld erlebte 2025 ein außergewöhnlich gutes Jahr für Kiebitze: Hohe Grundwasserstände nach dem Hochwasser 2024 sorgten für ideale Bedingungen. Doch 2026 verschärfte sich die Situation dramatisch. Grundwasserabsenkungen und die Verfüllung von Sutten mit Aushub und Klärschlamm sowie Ausbaggerungen von Gewässern reduzierten diese wertvollen Feucht-Lebensräume stark. Obwohl aus den Erstgelegen viele Küken schlüpften, wurden in der Projektregion im nördlichen Tullnerfeld später keine Jungvögel mehr gesichtet.

Im südlichen Tullnerfeld gibt es derzeit noch Hoffnung: Hier schlüpften die letzten Nachgelege kürzlich. Besonders Rübenäcker und wasserführende Rückhaltebecken scheinen für die Kiebitze wichtige Rückzugsorte zu sein.

Oberösterreich (Bezirke Linz-Land, Hörsching, Grieskirchen): Keine Chance ohne Wasser

In Oberösterreich schmälerte die anhaltende Trockenheit und die intensive landwirtschaftliche Nutzung den Bruterfolg vielerorts deutlich. An der Unteren Enns verlief der erste Brutversuch nahezu erfolglos. Aufgrund des extrem niedrigen Grundwasserstands fehlten die für die Nahrungssuche der Küken wichtigen Sutten. Ohne diese Feuchtstellen fanden die Jungvögel kaum ausreichend Nahrung.

Salzburg (Flachgau): Frühe Bruten, späte Hoffnung

Im Salzburger Flachgau begannen die Kiebitze in diesem Jahr ungewöhnlich früh mit der Brut – teilweise schon Anfang März. Doch trotz hoher Schlüpferfolge bei den Erstbruten gingen die meisten Jungvögel verloren, vor allem durch Trockenheit und hohe Prädation. Einzige Ausnahmen waren Bruten im Grünland, wo die späte Mahd den Vögeln eine Chance bot. Ersatzgelege, die ab Mitte Mai bis Anfang Juni angelegt wurden, zeigen nun vielversprechende Ergebnisse. Die späte Brutzeit könnte in diesem Jahr ein Vorteil sein, da die Äcker bereits bearbeitet sind und die Niederschläge wieder regelmäßiger fallen. Die Brutsaison 2026 dauert damit länger als je zuvor.

Weiterführende Links

Vogelporträt zum Kiebitz

Podcastfolge über den Kiebitz

„Das Projekt „Gemeinsam für den Kiebitz“ wird im Rahmen des GSP 2023-27 vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) und der EU gefördert“.

Rückfragehinweis

Dr. Susanne Schreiner, Pressesprecherin BirdLife Österreich 1150 Wien, Diefenbachgasse 35/1/6 Mobil: +43 (0) 699 181 555 65 susanne.schreiner@birdlife.at

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