PRESSEAUSSENDUNG
Analysen bestätigen mutmaßlichen Giftanschlag mit verbotenem Pestizid – Sieben Gänsegeier in Kärnten und Osttirol betroffen
Wien, 03. Juni 2026 – Sechs tote und ein stark geschwächter Gänsegeier wurden in den vergangenen Wochen im Lesachtal entdeckt. Die nun vorliegenden Analyseergebnisse bestätigen den Verdacht eines gezielten Giftanschlags: Die untersuchten Tiere starben an dem EU-weit verbotenen Pestizid Carbofuran. Die Naturschutzorganisationen BirdLife Österreich, WWF Österreich und die Vulture Conservation Foundation verurteilen diesen schweren Fall von Wildtierkriminalität und ersuchen die Bevölkerung um Mithilfe bei der Aufklärung.
Ab 16. April wurden innerhalb kurzer Zeit in den Gemeinden Untertilliach (Tirol) und St. Lorenzen (Kärnten) insgesamt sieben Gänsegeier unter mysteriösen Umständen aufgefunden. Nur einer davon war noch am Leben und konnte in der Auffang- und Pflegestation der Burg Landskron aufgepäppelt und wieder freigelassen werden. Alle weiteren Tiere waren bereits verendet.
„Da so viele Tiere auf relativ kleinem Raum betroffen waren und eine natürliche Ursache für so ein Massensterben sehr unplausibel schien, stand der Verdacht der Vergiftung im Raum und wir verständigten umgehend das Landeskriminalamt Kärnten“, erzählt Johannes Hohenegger, Greifvogelexperte bei BirdLife Österreich. Nun ist das Rätsel teilweise gelöst und die schlimmsten Befürchtungen scheinen bestätigt: Fünf der sieben gefundenen Gänsegeier wurden bereits abschließend untersucht und die Analysen der Veterinärmedizinischen Universität Wien und der Ludwig-Maximilians-Universität München ergaben bei allen als Todesursache eine Vergiftung mit Carbofuran. Es ist also von einem gezielten Giftanschlag auf Wildtiere auszugehen.
Der Fall ist einer der schwersten bekannten Vergiftungsfälle von Greifvögeln und Geiern der vergangenen Jahre in Österreich. „Wer Carbofuran auslegt, nimmt den Tod geschützter Wildtiere bewusst in Kauf. Sieben betroffene Gänsegeier in einem einzigen Tal sind ein schwerer Fall von Wildtierkriminalität. Jetzt muss lückenlos geklärt werden, wer hinter diesem feigen Giftanschlag steckt und welches Ziel die Täter verfolgt haben“, sagt WWF-Artenschutzexpertin Christina Wolf-Petre.
Tödliche Köder: Carbofuran als Bedrohung für Wildtiere
Carbofuran ist ein Nervengift, das bereits in geringsten Dosen für Vögel, Säugetiere und sogar Menschen tödlich wirkt. In der EU ist der Wirkstoff, der lange als Pestizid ausgebracht wurde, seit 2008 verboten, doch immer wieder wird er illegal als Köder ausgelegt – mit verheerenden Folgen für geschützte Arten wie Rotmilan, Seeadler oder, wie hier, Gänsegeier. Allein in Österreich wurden in den letzten neun Jahren knapp 400 illegale Tötungen von Vögeln dokumentiert, darunter 81 geschützte Greifvögel, die durch Vergiftungen starben. Dies geht aus den Auswertungen zum neuen Wildtierkriminalitätsbericht hervor, der letzte Woche von BirdLife Österreich und WWF Österreich veröffentlicht wurde.
Österreich als Schlüsselgebiet für Gänsegeier
Österreich – insbesondere die Hohen Tauern – ist ein wichtiges Übersommerungsgebiet für den Gänsegeier (Gyps fulvus), der ein reiner Aasfresser ist. Jungvögel und Nichtbrüter aus den Brutgebieten Friauls (Italien) und der nordwestlichen Balkanhalbinsel finden hier ideale Bedingungen: Mit Beginn der Almsaison fliegen die ersten Vögel ein und übernehmen den Sommer über – gemeinsam mit Bart- und Mönchsgeier – die unverzichtbare Aufgabe der Entsorgung von Kadavern. Da Wild- und Nutztierkadaver oft nicht geborgen werden können, spielt der Gänsegeier so eine wichtige Rolle darin, die Ausbreitung von Krankheiten und Tierseuchen zu verhindern. Allein in den Hohen Tauern verbringen jährlich 100 bis 120 Gänsegeier den Sommer, die sich von durch Unwetter, Abstürze oder Krankheiten verendeten Wild- und Nutztieren ernähren.
„Österreich stellt nicht nur ein wichtiges Übersommerungsgebiet für den Gänsegeier dar, sondern verbindet als Trittstein die Populationen Ost- und Westeuropas. Die Folgen dieser abscheulichen Tat wirken demnach weit über die österreichischen Grenzen hinaus,“ betont José Tavares, Direktor der Vulture Conservation Foundation – einer Organisation, die sich seit den 1980er-Jahren grenzüberschreitend für den Schutz der europäischen Geier einsetzt.
Forderungen
BirdLife Österreich, WWF Österreich und die Vulture Conservation Foundation fordern eine lückenlose Aufklärung des Falls und appellieren an die Bevölkerung, Hinweise zur Tat an die Polizei zu melden.
„Solche Taten haben das Potential, bedrohte Arten wieder an den Rand des Aussterbens zu bringen und jahrzehntelange Schutzbemühungen zu zerstören“, verdeutlicht José Tavares das Ausmaß des Problems. Sie würden auch erhebliche Investitionen zunichtemachen, die sowohl die österreichischen als auch europäischen Bürger:innen mit ihren Steuern unterstützt haben.
Die Naturschutzorganisationen verurteilen die verabscheuungswürdige Straftat und fordern eine deutliche Antwort von den Strafverfolgungsbehörden, um die Verursacher auszuforschen und vor Gericht zur Verantwortung zu ziehen.
Meldemöglichkeiten
Für eine lückenlose Aufklärung sind Hinweise aus der Bevölkerung essenziell. Wer verdächtige Beobachtungen im Zusammenhang mit Wildtierkriminalität macht oder Hinweise auf illegale Tötung geschützter Arten hat, wird gebeten, sich zu melden. Jede Information kann helfen, die Täter:innen zur Rechenschaft zu ziehen.
Landespolizeidirektion Kärnten: +43 59 133 20 33 33
BirdCrime-Hotline: +43 660 869 2327
E-Mail: meldung@wildlifecrime.at
Anonyme Meldeplattform: https://c07.aygonet.org/anonyme-meldeplattform-fuer-wildtierkriminalitaet/
Grenzüberschreitendes EU-LIFE-Projekt „wildLIFEcrime“
Im Rahmen des EU-geförderten wildLIFEcrime-Projekts (LIFE22-GIE-DE-wildLIFEcrime) arbeiten 13 Organisationen aus Österreich und Deutschland an der Reduktion der Wildtierkriminalität. Eine Koalition aus Naturschutzverbänden, Polizei, Universitäten, Behörden und Veterinärmedizinern setzt sich für den besseren Schutz gefährdeter Arten ein, wodurch dieses Projekt bis 2028 dazu beitragen soll, die Wildtierkriminalität in Deutschland und Österreich zu reduzieren.
Weiterführende Links: https://wildlifecrime.info/projekt/
https://www.birdlife.at/birdcrime/
https://www.wwf.at/das-schuetzen-wir/bedrohte-arten/wildtierkriminalitaet/


Rückfragehinweis
Lisa Lugerbauer, Leitung Kommunikation 1150 Wien, Diefenbachgasse 35/1/6 Mobil: +43 (0) 699 181 555 65 lisa.lugerbauer@birdlife.at
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